Sonntag, 26. Februar 2017

ULRICH LANGE
28.01.2014 | 20:26 4

Privatschulen - Goldesel des Staates?

Bildungsökonomie | Privatschulen haben einen Anspruch auf staatliche Finanzhilfe. Die gesetzlich verordnete Vielfalt ist teuer. Doch die freien Träger sehen sich als Spardose des Staates.
Wie das Statistische Bundesamt für das Jahr 2010 errechnet hat, haben Länder und Gemeinden pro Schüler einer allgemeinbil- denden Schule 6.400 Euro ausgegeben. Das sind bei bundesweit rund 9 Millionen Schüler(inne)n 57,6 Milliarden Euro. Allgemeinbildende Privatschulen erhielten im Rahmen der staatlichen Regelfinanzierung pro Kopf Zuschüsse in Höhe von durchschnittlich 70% (= 4.480 Euro) des oben genannten Kostensatzes. Das sind bei rund 700.000 Schüler(inne)n also etwa 3,1 Milliarden Euro. Sonderleistungen einzelner Bundesländer sind hierbei nicht berücksichtigt. Diese sind durchaus erheblich und beinhalten beispielsweise Ausgleichszahlungen entsprechend der an öffentlichen Schulen geltenden Lehrmittelfreiheit, die Erstattung von Schülerbe- förderungskosten, Zuschüsse zu Baumaßnahmen oder Investitionskostenpauschalen pro Schüler sowie eine mittelbare Förderung gem. § 10 Abs. 1 Nr. 9 EStG, wonach Eltern 30% der Kosten privater Schulen bis zu einem Höchstbetrag von 5.000 Euro von der Steuer absetzen können.

Bizarre Milchmädchenrechnung

Aus der Tatsache, dass der Staat für einen Privatschulplatz pro Jahr 1.920 Euro weniger aufwenden muss, errechnete die Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime (nach dem Austritt mehrerer Internatsschulen heute als "Internatevereinigung" firmierend) 2008 eine staatliche "Ersparnis" von 2 Milliarden Euro (nach obiger Berechnung 1,3 Milliarden Euro; wahrscheinlich werden bei der genannten Zahl die berufsbildenden Schulen einbezogen).
„Die staatlichen Zuschüsse pro Schüler", heißt es in einer Pressemitteilung der "LEH-Service GmbH", "betragen für private Schulen und Internate ca. 70 Prozent der Summe, die öffentliche Schulen erhalten. Damit spart der Staat in jedem Jahr rund 2 Milliarden Euro ein. Jeder kann sich ausrechnen, was es für die öffentlichen Kassen bedeutet, wenn Eltern sich das Schulgeld für die privaten Internate nicht mehr leisten können und diese Kinder und Jugendlichen wieder in öffentliche Schulen gehen“.
Aber stimmt diese Rechnung? Jeder Schulplatz an einer allgemeinbildenden öffentlichen Schule ist durch Steuereinnahmen oder staatliche Kreditaufnahme gegenfinanziert. Auch die Eltern, die ihr Kind in eine private Schule schicken, bezahlen einen öffentlichen Schulplatz mit, gleichgültig ob sie ihn in Anspruch nehmen oder nicht. Diesen Schulplatz muss der Staat für den Fall vorhalten, dass die Privatschule pleite geht oder ein Schulpflichtiger aus anderen Gründen von der Privatschule in die öffentliche Schule zurück wechselt, was öfter vorkommt als man gemeinhin annimmt.
Und was würde denn passieren, wenn die 7,7 Prozent Privatschüler schlagartig an öffentliche Lehranstalten zurückströmen würden, wie es der LEH-Verband als Katastrophenszenario an die Wand malt?
Legt man einmal die durchschnittliche Klassengröße in der Sekundarstufe I von durchschnittlich 27 Schülern zugrunde (entgegen landläufiger Meinung ist diese an Staats- und Privatschulen exakt gleich, so dass der an der Klassengröße festgemachte Qualitätsunterschied als reiner Mythos gelten muss!) und teilte man die um die Zahl der Privatschüler bereinigte Zahl der Schüler öffentlicher Schulen durch diesen Wert, so erhielte man 307.407 Schulklassen, auf die dann 700.000 Privatschüler aufzuteilen wären. Bei dieser vereinfachten Rechnung [in Wahrheit ist die Zahl der tatsächlich existierenden Klassen an öffentlichen Schulen wesentlich höher, weil hier auch durchschnittliche Klassenstärken von 21 (Grundschulen), 20 (Hauptschulen), 19 (Schulen mit mehreren Bildungsgängen) und 9 (Förderschulen) zu berücksichtigen wären] müsste jede Schulklasse an einer staatlichen Lehranstalt zusätzlich zwei Schüler aufnehmen, was das Bildungssystem vor keinerlei Probleme stellen dürfte, zumal man die bei den Privatschulen effektiv eingesparten 3,1 Milliarden Euro für Verbesserungen der Schüler-Lehrer-Relation und bauliche Erweiterungen einsetzen könnte, statt hiermit den Luxus einer grundgesetzlich verordneten "Vielfalt" zu alimentieren, die oft genug lediglich vorgetäuscht sein dürfte, um den Genehmigungsvoraussetzungen zu entsprechen, oder unterm Strich eher marginal ausfällt, weil die staatliche Regelfinanzierung daran gebunden ist, dass die Schulen nichtstaatlicher Träger "in ihren Lernzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen" (vgl. Art. 7 GG).

Tischlein deck' dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack

Mit dem Thema Privatschule sind - wie oben bereits anhand der im statistischen Durchschnitt keineswegs kleineren Klassen gezeigt wurde - eine Reihe populärer Irrtümer verbunden. Diese Irrtümer werden vor allem durch interessengeleitete Darstellungen der privaten Bildungsindustrie und gezielt desinformierende journalistische Kampagnen popularisiert. Allein an dieser Tatsache lässt sich ablesen, dass die Existenz eines privaten Schulwesens für das Gemeinwesen keineswegs so vorteilhaft, kostengünstig und unverzichtbar ist, wie dies in der veröffentlichten Meinung vielfach behauptet wird. Privatschulen sind nicht unter jedem Aspekt eine "Bereicherung" für die gesamte Gesellschaft. Das trifft bestenfalls auf diejenigen zu, die als Führungskräfte "gemeinnütziger" Institute wie der Schule Schloss Salem Managergehälter beziehen oder ihren Nachwuchs auf Steuerzahlerkosten in exklusiver Gesellschaft anderer Besserverdienerkinder und in gepflegtem Schlossambiente aufwachsen lassen können. Nie werden auch die Kosten gegengerechnet, die durch die (leider notwendige!) Überwachung der Privatschulen seitens Heim- und Schulaufsicht entstehen. Und erst recht mag niemand die Folgen einer Fragmentierung der Gesellschaft in Euro und Cent hochrechnen, die dadurch eintritt, dass sich die "bessere Kundschaft" in ein privates Bezahlschulwesen verabschiedet und für das öffentliche Bildungssystem nicht mehr interessiert und engagiert.
So erinnert die Selbstdarstellung der "Freien Träger" doch stark an das Grimm'sche Märchen von Tischlein deck' dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack. Das Bashing der unzufriedenen und heimtückischen Ziege treibt wohl die Kinder aus dem Haus. Doch der reich gedeckte Tisch der vielfältigen Bildungsangebote entpuppt sich oft genug als das falsche Möbel aus der Rumpelkammer des betrügerischen Herbergsbetreibers, das zwar genauso aussieht wie das gepriesene Wunschtischchen, aber bei der Rückkehr aus der Fremde seinen Dienst versagt. Und auch der Goldesel erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen nicht. Weder erspart er teure Ausgaben noch spuckt er Goldstücke aus, sondern erweist er sich oft genug als schlechtes Investment. Und mit dem Knüppel aus dem Sack dürften die vielen Opfer von Missbrauch und Gewalt an privaten Schulen, Heimen und Internaten wohl kaum die Assoziation verbinden, am Ende auf märchenhafte Weise doch noch zu ihrem Recht gekommen zu sein. Sind doch im wirklichen Leben auch die beteiligten Paarhufer in Menschengestalt zumeist weit besser weggekommen als das "Teufelstier"1 bei den Gebrüdern Grimm. Meh, meh!
"Mütter und Väter, engagiert euch!" Eltern können jede Menge dazu beitragen, dass die Schule ihrer Kinder besser wird. Dazu müssen sie mehr tun, als bloß den Elterna- bend abzusitzen. Ein stern-Gespräch mit Hans-Peter Vogeler, dem Vorsitzenden des Bundeselternrats.
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(1) Auch in Sagen kam der Paarhufer nicht immer gut weg: Im Laufe der Geschichte wurden der Ziege unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Viele Jahrhunderte stand sie für Kraft und auch Zeugungskraft. Ab dem Mittelalter wurden Böcke Sinnbild des Bösen. In volkstümlichen Darstellungen bekam der Teufel Bocksfüße und Ziegenhörner. Laut damaligen Sagen sollen sogar Hexen zeitweise ihren Besen vernachlässigt haben, um auf dem Tier zu reiten. (Quelle: http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/Ziegen)